Traurige Zeiten

Dass unser Thema in diesen traurigen Zeiten so schnelle bittere Realität wird, haben wir nicht erwartet.

Bei ihrem letzten Besuch in Freiburg hatte ich Flora gefragt, ob sie in einem Park arbeiten möchte, der früher ein Friedhof war und auf dem viele wunderschöne und würdevolle alte Grabmale erhalten sind. Flora war von dem Vorschlag begeistert, und sie sagte mir, dass sie schon oft Fotografen nach einem solchen Shooting gefragt hat – und alle haben nur desinteressiert abgewinkt. Um dem Thema gerecht zu werden, haben wir dafür passende Kleidung ausgesucht. Wir haben uns für einen langen schwarzen Rock aus Spitze und ein schwarzes Oberteil entschieden.

Trauer und Tod waren schon vor längerer Zeit Themen, die mich auch fotografisch sehr bewegt haben. Einen konkreten Anlass hatte mein Shooting mit Flora nicht, aber dass unser Thema durch die Corona-Pandemie nur wenig später mit so vielen tragischen Todesfällen derart aktuell wird, haben wir nicht erwartet. Es ist auf jeden Fall ein Thema, das nur all zu gern verdrängt wird, das aber nicht nur zu Pandemie-Zeiten jeden beschäftigen sollte. Ich glaube, wir haben eine adäquate Bildsprache dafür gefunden und sind auch dem besonderen Aufnahmeort mit unseren Bildern gerecht geworden.

Für technisch Interessierte

Technische Informationen sind für diese Bilder eigentlich zweitrangig, aber ich möchte sie dennoch nicht vorenthalten.

Ich hatte bei meinem Shooting drei Kameras dabei mit vier Objektiven. Die meisten Aufnahmen habe ich mit der Fujifilm GFX 50s gemacht, die ich sehr schätze. Ich hatte mein Fujinon GF 2/110 dabei, das für mich die erste Wahl für Portraitfotografien mit dieser Kamera ist. Es fokussiert schnell und sicher, und die Freistellmöglichkeiten bei offener Blende erfüllen alles was ich mir wünsche. Das betrifft nicht nur die Unschärfe im Hintergrund sondern auch die weiche Wiedergabe der unscharfen Bereiche ohne harsche Strukturen – ein schönes Bokeh, wie man es heute nennt. Wie ich schon zu meinem Shooting mit Anna in der Natur und am Hafen angemerkt habe, fehlt aber in Fujis Produktpalette eine lichtstarkes Standardobjektiv, so dass man bei anderen Brennweiten sehr viel eingeschränktere Freistellmöglichkeiten hat. Ich hatte deshalb schon bei meinem Shooting mit Anna das Canon EF 1,2/50 L dabei, hatte es aber wegen starker Vignettierung nicht verwendet. Da dies zum großen Teil durch die Streulichtblende verursacht wurde, habe ich sie diesmal weggelassen. Mit dem Viltrox Adapter funktioniert der Autofokus bestens, und der Adapter ist auch nicht ausgefallen. Die Blende ist nicht nur bei diesem Canon-Objektiv ständig hörbar in Aktion, und die Metadaten werden nicht immer richtig abgespeichert. Trotzdem ist das 1,2/50 an der GFX 50s sehr gut einzusetzen.

Von der ersten Bildserie mit fünf Bildern ist nur das zweite mit dem Fujinon 2/110 aufgenommen worden, die anderen vier mit dem Canon 50 mm Objektiv – alle mit offener Blende. Diese Bilder sind mit * markiert. Die Abbildungsqualität kann bei genauer Betrachtung nicht mit dem Fujinon mithalten, weder was die Bildschärfe und den Kontrast angeht noch die Vignettierung. Die ist tatsächlich etwas geringer als auf den Bildern, denn ich füge bei der Bildbearbeitung häufig eine leichte Vignettierung hinzu um die Geschlossenheit des Bildes zu verstärken. Das kann man von Ansel Adams lernen. Es gibt auch keine völlig schwarzen Ecken, obwohl ich es über die vorgesehene Nutzung hinaus eingesetzt habe. Mit einer Aufhellung könnte man einiges beheben, wenn man das wollte. Man darf hierbei nicht vergessen, dass das Canon 1,2/50 eine relativ alte Konstruktion ist, die auch häufig wegen ihres weichen Charakters kritisiert wird. Aber hätten Sie es gemerkt? Ich finde das Objektiv selbst bei der ganz offenen Blende überraschend scharf, zumindest in den mir wichtigen Bildbereichen. Die gesamte Bildwirkung kommt meiner Intention bei diesen Bildern sehr entgegen, insbesondere auch der sehr weiche Hintergrund ohne harsche Strukturen. Man muß dabei bedenken, daß dieses Objektiv an der Mittelformatkamera schon einen leichten Weitwinkelcharakter hat, was eine Freistellung grundsätzlich schwieriger macht als bei einer Portraitbrennweite. Ich bin froh, daß ich es hier eingesetzt habe.

Die zweite Kamera, die ich bei diesem Shooting dabei hatte, ist eine Canon EOS 1V. Dies ist Canons letzte analoge Spiegelreflex, die ich vor Jahren schon einmal hatte und die ich in einem schwachen Moment für gut 200  € verkauft habe. Das habe ich später immer bereut, denn es ist eine sehr gut konzipierte solide Kamera. Man kann sie anders als die noch solidere Nikon F5 auch ohne Handgriff und Mignonzellen mit einer leichten Lithiumbatterie nutzen. Sie ist dadurch einiges leichter und kompakter. Meine F5 habe ich schon eine Weile nicht mehr und habe sie wieder durch eine EOS 1V ersetzt – auch deshalb, weil ich die Objektive an der Fujifilm GFX einsetzen kann. Die Belichtungsdaten der EOS 1V schreibe ich mir nicht auf und belichte sie auch nicht ein. Ich lese sie stattdessen mit einem Meta35-Adapter in den PC ein und kann sie so auch den Metadaten der Bilder zuordnen. Das geht auch mit der Nikon F5 und anderen Nikon-Kameras.

Ich habe die EOS 1V bei diesem Shooting mit dem EF 1,2/85 L II eingesetzt, das zwar ein Glasbrocken ist, aber erheblich kleiner als etwa das Sigma Art 1,4/85. Wer lesen möchte, wie sich eine Erkrankung auch positiv auswirken kann, wird sich für die amüsante fiktive Entstehungsgeschichte des Canon EF 1,2/85 interessieren. Wie man an den beiden letzten Aufnahmen im zweiten Set sieht, gilt es zu Recht als Bokeh-King. Die Aufnahmen sind auf Ilford HP-5 entstanden, der mit Kodak D-76 entwickelt wurde. Diese Bilder sind mit ** markiert. Die Charakteristik ist deutlich härter als die vorhergehenden digitalen Aufnahmen, paßt aber zum Thema ebenso wie das deutlich sichtbare (echte) Filmkorn, das ich bei den digitalen Aufnahmen mit der Bildbearbeitung eingerechnet habe. Eingescannt habe ich diese Bilder mit der Fujifilm GFX 50s und einem adaptierten Makro-Objektiv. Die Negative habe ich in einen Durst Negativträger gelegt, der mit zwei glaslosen oberen Masken bestückt war. Die sind etwas größer als die untere Maske, so daß man den Negativrand mit einscannen kann. Das alles bei bester Planlage und ohne Glas – wer schon einmal mit einem Epson Scanner Bilder eingescannt hat, weiss wovon ich rede.

Die dritte Bildserie ist wieder mit der GFX 50s und dem Fujinon Portraitobjektiv entstanden. Offenblende, selbstverständlich.

Die letzten beiden Bilder (markiert ***) sind wiederum analoge Aufnahmen, aufgenommen aber mit einer Speed Graphic 4×5 Inch Planfilmkamera und einem Dallmeyer Pentac Objektiv. Das ist für seine sehr geringe Schärfentiefe bekannt, und ich bin daher etwas überrascht daß dies weniger ausgeprägt ist als ich erwartet hatte. Ich finde auch die Baumstrukturen im Hintergrund störender als bei den Objektiven, die ich für die anderen Bilder verwendet habe. Ganz interessant ist ein leichter Lichthof an den hellen Strukturen, für den die Pentac-Objektive bei Offenblende bekannt sind und der den Bildern einen etwas nostalgischen Touch gibt. Die Bilder sind mit überlagertem Tri-X entstanden, belichtet auf ISO 200 und entwickelt ebenfalls in D-76. Im Vergleich zu den Kleinbildaufnahmen mit einem sogar etwas höher empfindlichen Film sind sie für das große Format recht grobkörnig. Wenn ich das anders haben wollte, würde ich einen anderen Film nehmen oder gleich digital arbeiten ;-).

Details

Ein Fotoshooting mit Flora auf einem alten Friedhof