Linhof Technikardan S 23 (6×9)

Die Linhof Technikardan S 23 ist die kleinere Version der beiden Technikardan Modelle. Während die Technikardan S 45 für Formate bis 9 x 12 cm bzw 4 x 5 Inch einsetzbar ist, liegt das Maximalformat der S 23 bei 6,5 x 9 cm bzw. 2 1/4 x 3 1/4 Inch. Auch die Technikardan S 23 ist im aktuellen Lieferprogramm von Linhof aufgelistet.

Konstruktion

Die Technikardan S23 ist grundsätzlich sehr ähnlich konstruiert wie die Technikardan S 45, so dass meine Beschreibung des größeren Modells zu weiten Teilen auch für die kleinere Variante gilt. Ich beschränke mich daher hier auf die konstrukiven Unterschiede der beiden Kameras.

Die Technikardan S 23 ist etwas kleiner und leichter als die Technikardan S 45. Trotz ihrer Ähnlichkeit sind die Kameras aber nicht modular aufgebaut, so dass eine nachträgliche Aufrüstung auf das größere Modell nicht möglich ist. Tatsächlich haben beide Modelle nur die Objektivaufnahme und den Blitzschuh (an dem das Kompendium befestigt wird) gemeinsam. Alles andere ist spezifisch für das jeweilige Kameramodell.

Für die S 23 gibt es Zubehör, das dem der S 45 entspricht. Dazu gehören Normal- und Weitwinkelbalgen, eine Stabilisierungsschiene für lange Auszüge, Reflex- und Lupensucher und Rollfilmrückteile. Die meisten dieser Teile haben die gleichen Eigenschaften wie ich sie für die S 45 beschrieben habe. Nur das Kompendium ist für beide Kameras das gleiche.

Verstellungen

Die Verstellmöglichkeiten und der Maximalauszug der S 23 sind dem kleineren Format angepaßt.

 

Technikardan
S 23
Technikardan
S 45
Auszug
(Mattscheibe-Objektivplatte,  mit Weitwinkelbalgen)
60 – 350 63-425
Verschiebung vorne horizontal -32 … +25 -53 … +25
vertikal +50 -22 … +50
Verschiebung hinten horizontal -31 … +26 -52 … +56
vertikal +50 +50
Verschiebung gesamt
(maximale gegenläufige Verschiebungen)
horizontal -58 … +56 -109 … +77
vertikal -50 … +50 -72 … +50
Grösse
Transportstellung, ohne Objektiv, B x H x T
16,5 x 23 x 12 cm 22 x 26 x 12 cm
Gewicht
mit Weitwinkelbalgen
2850 g 3130 g
 

Dies sind die gemessenen Daten meiner Kameras.

“-” sind Verschiebungen nach links bzw. unten, “+” nach rechts bzw. oben. Bei gegenläufigen Verschiebungen kann der Balgen bei kurzen Auszügen die Verschiebung begrenzen.

Alle Schwenkungen sind bei beiden Kameras nur durch den Balgen begrenzt.

Der maximale Auszug ist für selbst ein 400 mm Teleobjektiv mehr als ausreichend. Allerdings liegt damit der Schwerpunkt weit vor der Stativbefestigung, und die Teleskopschiene wird entsprechend belastet – wenn auch weniger als bei der längeren Schiene der S 45. Dem kann man durch eine Stabilisierungsschiene entgegenwirkten, aber weil sie zwischen Kamera und Stativ montiert werden muss ist die Handhabung eher umständlich. Mit einem 270 mm Teleobjektiv kann man ganz gut auch ohne diese Schiene arbeiten – eine erschütterungsfreie Auslösung vorausgesetzt.

Rückteil und Rollfilmkassetten

Das Rückteil ist über einen Drehrahanschluss befestigt, wie er auch bei der Super Technika 6 x 9 und bei der früheren Technika 70 zu finden ist. Wegen des seitlich vorstehenden L-Trägers lässt er sich aber nicht drehen sondern muss abgenommen und verdreht wieder angesetzt werden.

Für diesen Anschluss gibt es auch Super-Rollex Rollfimkassetten für die Formate 6×7 und 6×9. Sie lassen sich von oben kaum von den entsprechenden Kassetten für die 4×5 Kameras unterscheiden. Wer also eine solche Kassette erwerben will, muss darauf achten dass sie auf der Unterseite den notwendigen ringförmigen Ansatz hat. Das kann ich hier leider nicht zeigen, denn die abgebildete Kassette ist für 4×5 ausgelegt und passt daher nur an Kameras mit 4×5 Graflok Rückteil – zum Beispiel and die Technikardan S 45.

Für 6×7 gibt es alternativ auch Rapid-Rollex Kassetten, die sich hinter die Mattscheibe schieben lassen. Das ist einiges praktischer als der Austausch des Rückteils gegen eine Super-Rollex Kassette. Die Rapid Rollex Kassetten sind zudem kleiner und leichter. Anders als bei den Rapid Rollex Kassetten für 4×5 Kameras ist der Bildausschnitt bei den kleinen Rapid Rollex Kassetten zentriert. Wer mit 6×7 auskommt, ist daher meiner Meinung nach mit diesen Kassetten besser bedient als mit einer 6×7 Rapid-Rollex.

Für wen ist die Technikardan S 23?

Ich mag Präzisionsgeräte und technische Lösungen, die sich nicht daran orientieren wie es schon immer gemacht wurde. Die Technikardan ist eine Kamera, mit der man beides bekommt. Die Kamera ist stabil gebaut und trotzdem ein feinmechanisches und innovatives Meisterwerk. Die konstruktive Lösung der Transportstellung ist nichts für Leute mit zwei linken Händen, aber mich begeistert eine solche unkonventionelle und effiziente Lösung. Schade, dass Linhof keine Digitalkameras baut, dann wären sie nicht wie noch zu Oskar Barnacks Zeiten.

Beide Technikardan-Modelle sind konstruktiv ähnlich, aber nur das größere Modell ermöglicht die Arbeit mit 4×5 Planfilmen und Polaroid-Filmen. Ich verwende diese Materialien häufig und setze daher eher die Technikardan S 45 ein oder unterwegs die Technika. Wie man an der rückwärtigen Ansicht der beiden Kameras sieht, ist der Unterschied der Aufnahmeformate größer als der Unterschied der Kameragrössen vermuten lässt. Es ist aber nicht so, dass man mit 6×7, 6×9 oder 6,5×9 nicht auch ausgezeichnete Resultate erzielen könnte.

Für die Technikardan S 23 gibt es leider kaum noch Planfilme, aber ein paar Angebote von panchromatischen Schwarzweissfilmen habe ich noch gefunden. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit und künftige Verfügbarkeit sind dies:

Für 6,5 x 9

  • Adox CHSII mit 100 ASA
  • Fomapan 100 mit 100 ASA
  • Ilford FP4+ mit 125 ASA

Für 2 1/4 x 3 1/4 Inch

  • Adox CHSII mit 100 ASA
  • Aristo EDU Utra (Fomapan) mit 100 oder 400 ASA
  • Ilford FP4+ mit 125 ASA
  • Ilford HP5+ mit 400 ASA
  • Shanghai GP3 mit 100 ASA

Es ist also nicht so, dass die Filme nicht hergestellt würden, nur werden sie kaum angeboten. Ich füge hier keine Links an, weil das zu kurzlebig wäre.

Zum Shanghai Film findet man im Internet negative Kommentare, wie auch zu Fomapan. Den Shanghai Film kenne ich nicht und kann ihn daher nicht beurteilen, aber für die Fomapan-Filme halte ich die Kritik für falsch. Ich verwende diese Filme seit Jahren ohne jedes Problem. Ich bin froh, dass es diese Filme gibt, nicht nur wegen der günstigen Preise bei guter Qualität sondern auch weil Foma Formate herstellt, die es anderswo kaum noch gibt – siehe oben.

Auch die entsprechenden Planfilmkassetten sind eher rar und nur auf dem Gebrauchtmarkt zu relativ hohen Preisen zu finden.

Die Kamera ist daher eher für Rollfilme bis zum Format 6×9 oder für digitale Rückteile einsetzbar. Da 6×9 nur wenig kleiner ist als 6,5×9, ist das kein wesentlicher Nachteil.

Aufnahmen auf Rollfilm sind um einiges preiswerter als auf 4×5 Inch Planfilm. Das gilt insbesondere für Farbfilme, die selbst in den kleineren Planfilmformaten ausgesprochen teuer sind. Eine Aufnahme auf Portra 4×5 Farbnegativfilm kostet derzeit etwa 6 bis 7 €, zuzüglich der Fachentwicklung. Eine Rolle Portra 120 kostet nur wenig mehr, ermöglicht aber 8-10 Aufnahmen mit nur einer Entwicklung. Wer also nur mit Rollfilm fotografiert, für den ist die kompaktere S 23 die bessere Wahl. Wer sich nicht auf Rollfilme beschränken mag und lieber die deutlich größeren 4×5 Inch Planfilme oder ein Panorama-Rollfilmrückteil für 6×12 verwenden will, ist mit dem nicht wesentlich teureren größeren Modell besser beraten.

Nicht übersehen sollte man auch die Möglichkeit, die Technikardan 23 S mit digitalen Rückteilen zu verwenden. Sie kann mehr als die meisten anderen erheblich teureren Kameras, die zudem meist teure Spezialobjektive benötigen.

Dieses Bild habe ich mit der Technikardan S 23 aufgenommen. Aufnahme mit Super Angulon 5,6/38 XL und Perspektivkorrektur auf Ilford Pan F, 6×7 Rapid Rollex. Die Bildkomposition ist mit dem kleinen Format schwieriger als mit 4×5 Inch, aber wie man sieht,  ist es machbar.

Disclaimer

Ich stelle diese Information zur Verfügung weil ich gern fotografiere und weil sie nützlich sein kann. Ich habe keine kommerziellen Verbindungen zu einem der Hersteller der in diesem Artikel erwähnten Produkte oder oder zu deren Verkäufern. Die Kamera und alle Zuberhörteile sind mein persönliches Eigentum.