Linhof Technikardan S 45

Die Linhof Technikardan S 45 ist eine Kamera auf optischer Bank für die Formate 9×12 cm oder 4×5 Inch. Es ist ein Präzisiongerät aus dem derzeitigen Lieferprogramm von Linhof, ebenso wie die kleinere aber gleich konstruierte Technikardan S 23 für 6×9 cm. Beide ersetzen die etwas älteren Modelle ohne „S“, die sich aber nur wenig von den aktuellen Modellen unterscheiden.

Konstruktion

Trotz des ähnlichen Namens und der Austauschbarkeit einiger Systemteile ist die Linhof Technikardan S 45 eine gänzlich andere Kamera als die Linhof Technika. Auch die Technikardan ist für ihre Bauart eine außerordentlich kompakte Kamera, aber sie besitzt kein Gehäuse und kann nicht als Sucherkamera verwendet werden. Dafür ist sie aber als Fachkamera uneingeschränkt verwendbar und kann auch hervorragend mit Weitwinkelobjektiven eingesetzt werden.

Die Kompaktheit der Kamera basiert einerseits auf der zweifach teleskopisch ausziehbaren optischen Bank mit zwei nebeneinander liegenden Befestigungsschienen. Genau genommen ist es damit keine optische Bank, aber die Konstruktion erfüllt den gleichen Zweck. Zusammengeschoben erinnern die Schienen fast schon an asiatische Schriftzeichen. Die Konstuktion ist bei vollem Auszug nicht ganz so stabil wie andere Konstruktionen, und der Schwerpunkt ist durch die Stativbefestigung im ersten Teleskopelement nicht immer ausgewogen. Es gibt deshalb eine zusätzliche Stabilisierungsschiene, die auch für einen besseren Gewichtsausgleich sorgt. Für die meisten Einsatzzwecke verzichte ich aber auf diese Schiene.

Die zweite konstruktive Maßnahme für die kompakte Bauform ist die vollständige Drehbarkeit der Standarten und deren Befestigung auf den nebeneinander liegenden Schienen. Die im Gebrauch rechtwinklig zur optischen Bank stehenden Standarten lassen sich zusammen mit dem Balgen als ganze Einheit parallel zur optischen Bank drehen. Durch diese geradezu geniale Konstruktion ist die Kamera in Transportstellung sehr kompakt und nur so lang und breit wie die zusammengeschobene Teleskopschiene. Sie ist damit nur wenig größer als eine Linhof Technika und eine der kleinsten vollwertigen Fachkameras auf optischer Bank für das Format 4×5 Inch. Es gibt nur wenige Alternativen ähnlicher Größe wie die Arca-Swiss F oder die Toyo VX125 (die alle auch ihren stolzen Preis haben). Das Drehen der Standarten vor allem in die Transportstellung will geübt sein und braucht etwas Feingefühl. Ich komme damit bestens klar und habe noch keinen Balgen dadurch in Mitleidenschaft gezogen. Wer das Risiko nicht eingehen will, kann für die Transportstellung den weniger gefährdeten Weitwinkelbalgen einsetzen.

Verstellungen

Die Kamera besitzt alle Verstellmöglichkeiten, wie man sie von einer Fachkamera erwartet. Das Objektiv lässt sich in beide Richtungen schwenken und nach oben und unten verschieben. Für das Rückteil gilt das gleiche, außer dass es auf Grund der kompakten Bauform nicht nach unten verschoben werden kann. Die Verschiebungen sind begrenzter als bei einer reinen Studiokamera, aber für mich immer ausreichend. Wer will, kann durch indirekte Verschiebung erheblich größere Verstellungen realisieren.

Mit Ausnahme der Fokussierung der Bildstandarte hat die Kamera keine Feintriebe. Die Verstellungen werden durch Klemmungen gelöst und arretiert. Die Schwenkverstellungen haben Nullrasten, was bei blinder Bedienung der Schwenks etwas Fingerakrobatik erfordert aber die Einstellsicherheit auf Neutralposition erhöht. Dies ist auch einer der wesentlichen Unterschiede zwischen der Technikardan S und der älteren Version, welche nicht mit Nullrasten ausgestattet ist.

Rückteil und Betrachtungshilfen

Die Kamera ist mit einem umsteckbaren Rückteil für Quer- und Hochformataufnahmen ausgerüstet, das die gleichen Sucheraufsätze aufnehmen kann wie die Linhof Technika. Ich verwende die Kamera jedoch in der Regel mit einem Einstelltuch und einer 7x Lupe. Neben Einschubkassetten für Plan- und Rollfilme können durch den Graflok-Anschluß auch entsprechende Kassetten für Rollfilm und Polaroid angesetzt werden.

Objektive mit Spezialverschlüssen

Die Technikardan besitzt die gleiche Objektivaufnahme wie die Linhof Technika Classic. Für die Technikardan gab es aber auch spezielle Objektive mit heute nicht mehr lieferbaren modifizierten Prontor-Professional Verschlüssen in den Größen 0 und 1. Diese Technikardan-Versionen haben eine seitliche Bedienplatte mit einem Blendenrad und einem Hebel für die Blenden- und Verschlußsteuerung.

Durch das Rad läßt sich die eingestellte Blende von hinten ablesen und einstellen.

Der Hebel bietet neben der Einstellung für Aufnahmebereitschaft zwei weitere Positionen, mit denen zunächst nur der Verschluss und dann auch die Blende geöffnet wird. Da dieser Verschluss selbstspannend ist, genügt jeweils eine Hebelbewegung um von der Bildkomposition/Fokussierung über die Bildkreiskontrolle zur Aufnahmebereitschaft zu kommen. Das ist weit einfacher und schneller als bei den weit verbreiteten Copal-Veschlüssen. Nachteile haben diese Verschlüsse leider auch: sie passen trotz gleicher Grundplatine nicht an die Linhof Technika, sie haben nur fünf Blendenlamellen, und die kürzeste Verschlußzeit ist etwas länger als bei konventionellen Verschlüssen. Trotzdem gefallen mir diese Verschlüsse so, dass ich sie auch mit einer Adapterplatine auf Sinar Objektivplatten einsetze.

Einsatz mit langen Brennweiten

Die Technikardan ist wie Fachkameras generell kein Werkzeug für die Tele-Fotografie. Der Auszug ist nur unwesentlich länger als bei der Technika, und auch hier können oberhalb von 400 mm allenfalls Telekonstruktionen eingesetzt werden. Mit dem hier gezeigten Apo-Ronar 9/360 wäre zum Gewichtsausgleich und zur Stabilisierung auch gegen Wind der Gebrauch der Stabilisierungsschiene anzuraten.

Einsatz mit Weitwinkelobjektiven

Der Normalbalgen der Technikardan kann mit einem Schnellverschluss gegen einen optional lieferbaren Weitwinkelbalgen ausgetauscht werden. Mit diesem Balgen und Objektiven auf versenkten Platinen kann mit sehr kurzen Auszügen gearbeitet werden. Die Kamera wird dadurch sehr weitwinkeltauglich und ist für Landschafts- und Architekturfotografie hervorragend einsetzber. Selbst das Super-Angulon 5,6/38 XL kann noch eingesetzt werden, wenn auch wegen des Bildkreises nur bis maximal 6×12 cm. Für 4×5 Inch ist als kürzeste Brennweite das Super-Angulon 5,6/47 XL verwendbar, das auch auf einer versenkten Platine montiert sein muss. Es ist deshalb nicht möglich, die Technika-Spezialversion mit Schneckengang an der Technikardan zu verwenden, ebenso wie umgekehrt die Technikardan Version nicht an der Technika Classic eingesezt werden kann. Die Abbildung zeigt die Kamera mit partiell nach oben verschobenem Super-Angulon 5,6/58 XL.

Stative und Stativköpfe

Ich verwende diese Kamera mit einem Gitzo Carbonstativ der Serie 2 und einem Manfrotto Getriebeneiger 410.  Ein Kugelkopf ist für den Einsatzbereich dieser Kamera nicht adäquat. Auf die Schnellspannplatte des Getriebeneigers habe ich eine weiteres Schnellspannsystem montiert, das einen Schlitten aufweist und mit zwei Schrauben verdrehsicher unter der Teleskopschiene montiert werden kann. Das Manfrotto 357 System tut gute Dienste und bietet wegen seiner Breite auch in abgenommen Zustand gute Standfestigkeit. Mit dem kleinen Arca-Swiss MonoballFix-System ist die Kamera nicht mehr standfest.

Was ist in meinem Fotokoffer?

Meine Ausrüstung hat in einem kleineren Rimowa-Trolley Platz und enthält typisch folgendes:

  • Linhof Technika S 4×5 mit zusätzlichem Weitwinkelbalgen
  • Kompendium mit Filterhalter
  • Objekte 47, 58, 90, 150 und 210 mm sowie Makro-Objektiv 180 mm
  • Zwei Grafmatic-Kassetten
  • Lupe 7x
  • Drahtauslöser
  • Einstelltuch (nicht abgebildet)

Je nach Aufgabe tausche ich einzelne Objektive aus oder lasse sie weg. Statt der Grafmatic-Kasetten passt auch eine 6×9 Super-Rollex Rollfilmkassette in den Koffer. Das Gesamtgewicht beträgt 15 kg, die nur über kurze Strecken getragen werden können. Weil der Trolley sich wegen der kleinen Räder nur für ebene Böden eignet, ist für den Transport auf unebenem Gelände ein zusätzlicher Trolley mit größeren Rädern sinnvoll.

Tipps zum Gebrauchtwagenkauf

Die Linhof Technikardan ist wie andere Geräte von Linhof ein in Deutschland gefertigtes Präzisionsgerät, das dementsprechtend nicht zum Discount-Preis zu haben ist. Wer zu moderaten Kosten eine Kamera erwerben will, findet hierzu auf dem Gebrauchtmarkt gepflegte Geräte für ca. 1100-1400 €.

Die Kamera ist für Studioeinsatz und den Einsatz draußen konzipiert und enstsprechend robust. Der einzige Feintrieb ist aus Metall gefertigt und haltbar. Die Arretierung für die Objektivstandarte kann eine Justierung erfordern, die man mit etwas Geschick aber selbst durchführen kann. Wie bei anderen Planfilmkameras unterliegt der Balgen dem Verschleiß und sollte sorgfältig kontrolliert werden. Näheres dazu findet sich bei der Linhof Technika. Wenn Sie ein gebrauchtes Objektiv für die Technikardan kaufen, lohnt es sich, nach einem Modell mit dem speziellen Technikardan-Verschluss zu suchen.

Meine Erfahrungen mit der Technikardan

Die Linhof Technikardan ist eine universell einsetzbare Kamera für das Studio und für unterwegs. Andere Kameras mögen für den einen oder den anderen Bereich noch besser ausgelegt sein, aber einen so breiten Einsatzbereich haben wenige. Mit den speziellen Technikardan-Verschlüssen ist sie auch eine sehr komfortable Kamera, die ich immer dann einsetze, wenn es mir auf eine schnelle Bedienung und einfachen Transport ankommt. Mit der Technikardan zu arbeiten macht Freude, sowohl von den Einsatzmöglichkeiten her wie auch vom Präzisionsgefühl das sie vermittelt.

Zum Schluß noch einige Bilder, die ich mir dieser Kamera aufgenommen habe:

Disclaimer

Ich stelle diese Information zur Verfügung weil ich gern fotografiere und weil sie nützlich sein kann. Ich habe keine kommerziellen Verbindungen zu einem der Hersteller der in diesem Artikel erwähnten Produkte oder oder zu deren Verkäufern. Die Kamera und alle Zuberhörteile sind mein persönliches Eigentum.