Shen-Hao HZX57-II AT

Wenn ich meine Shen-Hao aufstelle, ernte ich oft Verwunderung, dass ich mit einer alten Holzkamera arbeite. Mein “Oldie” wird sie gelegentlich genannt. Um so grösser ist das Erstaunen wenn ich erwähne, dass es eine meiner neueren Kameras ist. Erst vor wenigen Jahren habe ich sie neu gekauft. Weltweit gibt es nur noch wenige Firmen, die solche Holzkameras bauen, und fast noch weniger Händler bei denen man sie kaufen kann.

Bauweise

Die Shen-Hao HZX57-II AT ist eine Laufbodenkamera ähnlich der Linhof Technika, aber für die Bildformate 5×7 inch oder 13×18 cm ausgelegt und damit auch in ihrer Bauform größer. Sie läßt sich durch das Umklappen der Frontstandarte und des Rückteils auf ein kompaktes Mass zusammenlegen. Die Objektivaufnahme ist mit Sinar-/Horseman-Platinen kompatibel. Über eine mitgelieferte Adapterplatte lassen sich auch Objektive auf Technika-Platinen einsetzen. Die komfortablen Technikardan-Verschlüsse lassen sich daran allerdings nicht befestigen. Ich habe mir deshalb eine Sinar Adapterplatine so modifiziert, dass die obere Klemmung seitlich versetzt ist und die Montage dieser Objektive erlaubt.

Frontstandarte und Rückteil sind auf separaten Laufböden befestigt. Sie haben Feintriebe aus Metall; alle anderen Einstellungen werden durch manuelle Verschiebung und Klemmung vorgenommen. Die Feintriebe sind nicht selbsthemmend und müssen auf der gegenüberliegenden Seite arretiert werden. Einer der beiden hinteren Feintriebe dient wie der vordere zur Verstellung der Frontstandarte und kommt bei kurzen Auszügen zum Einsatz.

Das Rückteil ist für Quer- und Hochformat umsteckbar. Es gibt auch ein ebenfalls umsteckbares Reduzier-Rückteil für das Format 4×5 inch sowie eine Rollfilmkassette bis 6×17 cm. Beide Planfilm-Rückteile sind nicht mit einer Fresnel-Scheibe ausgestattet.

Der Standard-Balgen ist gegen einen Weitwinkel-Balgen austauschbar. Meine Kamera ist aus dunklem Walnußholz gefertigt; die Beschläge sind zur Gewichtseinsparung aus Aluminium. Manche kritisieren das Gewicht von 4 kg, aber wer schon einmal mit einer Sinar P2 13×18 unterwegs war, wird die Shen-Hao als eher leicht empfinden. Ähnliche Kameras können aber deutlich leichter sein als die HZX57-II AT.

Praktischer Einsatz

Die Shen-Hao HZX57-II AT ist eine vollwertige Fachkamera, die durch Verstellbarkeit der Standarten eine Beeinflussung der Perspektive und des Schärfeverlaufs ermöglicht. Durch die kompakte Bauform der zusammegeklappten Kamera, den weitgehenden Verzicht auf empfindliche Feintriebe und das vergleichsweise geringe Gewicht ist die Kamera sehr gut außerhalb des Studios einsetzbar. Allerdings muss wie bei anderen Kameras dieses Typs das Objektiv für den Transport abgenommen werden, und die Mattscheibe ist nicht gegen Glasbruch geschützt. Dafür muß man beim Transport separat Vorsorge treffen, entweder durch einen Mattscheibenschutz oder einen Transportkoffer.

Die Frontstandarte ist in allen Richtungen schwenk- und verschiebbar. Bei Auszügen unter 13 cm verhindern die Befestigungsblöcke der Standarten die seitliche Verschiebung, unterhalb von 11 cm zunehmend auch die seitliche Schwenkung. Bei diesen kurzen Auszügen verhindert auch der Standardbalgen fast jede Verschiebung. Der Austausch gegen einen Weitwinkelbalgen ist dafür anzuraten.

Das Rückteil ist in alle Richtungen schwenkbar und vertikal nach oben verschiebbar.

Der maximale Auszug von 61 cm ist großzügig bemessen und ermöglicht Aufnahmen mit längerer Brennweiten bzw. Makroaufnahmen mit normaler Brennweite.

An das Reduzier-Rückteil können wegen der Bauform keine Polaroid-Kassetten angesetzt werden. Das ist für viele sicherlich keine relevante Einschränkung, aber ich arbeite relativ viel mit Polaroid-Materialien und muß dafür eine andere Kamera verwenden.

Die Frontstandarte besitzt zwei separate, konzentrisch angebrachte Arretierungen für die vertikale Verschiebung und die vertikale Schwenkung. Das Objektiv läßt sich dadurch kontrollierbarer einstellen als bei Kameras mit nur einer Arretierung für beide Verstellungen (ich habe so eine). Die Kontrolle dieser Einstellungen erfolgt über die Mattscheibe. Zur Bildbetrachtung verwende ich im Studio ein Einstelltuch und eine 7x Lupe, bei hellem Umgebungslicht alternativ die rundum schließende Haube von BTZS, die bei kühler Witterung allerdings durch den Atem ein Beschlagen der Mattscheibe verursachen kann.

Da ich mit dieser Kamera meistens mit normalen bis längeren Brennweiten arbeite, vermisse ich die Fresnel-Scheibe bisher nicht. Für die Arbeit mit kurzen Brennweiten würde ich aber zur Verminderung der Abdunklung in den Bildecken eine Fresnelscheibe einbauen. Die gibt es allerdings nicht von Shen-Hao, so dass man auf andere Produkte ausweichen muss.

Die Bilder zeigen einige Verstellungen, die mit der Kamera maximal eingestellt werden können. Diese Verstellungen sind für meine Anwendungsbereiche mehr als ausreichend, ein Architekturfotograf ist damit sicherlich weniger glücklich.

Stativ und Stativkopf

Ich nehme für diese Kamera in der Regel mein bewährtes Gitzo Carbonstativ der Serie 2 mit dem Manfrotto 3D-Getriebeneiger 410.  Diese Kombination ist stabil genug und ermöglicht eine genaue, fein kontrollierbare Ausrichtung der Kamera. Die Abbildung zeigt die Kamera mit 110 mm Objektiv bei Fokussierung auf Unendlich. Das Objektiv kann mit dem eingesetzten Standardbalgen nur leicht nach unten verschoben werden; eine seitliche Verschiebung ist durch die ineinandergeschobenen Befestigungsblöcke nicht mehr möglich. Ein Weitwinkelbalgen und die Montage des Objektivs auf eine versenkte Platine würden die Sachlage verbessern.

Was ist in meinem Fotokoffer?

Meine Ausrüstung für die Portraitfotografie paßt mitsamt Zubehör in einen kleineren Rimowa Trolley. Neben der Kamera sind das 13 Planfilmkassetten, vier Objektive sowie Zubehör wie Lupe, Belichtungsmesser, Einstelltuch (nicht abgebildet) und Drahtauslöser. Die hier gezeigten Objektive setze ich am häufigsten mit dieser Kamera ein. Das sind ein Goerz Dagor 6.3/12 inch, ein Dallmeyer 1A (4/240), ein Xenar 4,5/210 und ein Super Symmar HM 5.6/150. Das letztere hat einen größeren Bildkreis als das Standard-Symmar und läßt sich sehr gut als Semi-Weitwinkel einsetzen. Die anderen drei sind mehr oder minder historische Objektive, die ich wegen ihrer großen Öffnung und der Bildcharakteristik gern einsetze. Der Trolley ist nicht leicht und kann nicht über unebenes Gelände gerollt werden. Wer nicht in der Nähe des Autos fotografieren kann, sollte in Betracht ziehen, den Koffer auf einen Beach Trolley zu transportieren.

Meine Erfahrung mit der Shen-Hao

Die Shen-Hao ist mittlerweile die Grossformatkamera, die ich am häufigsten einsetze. Das hat weniger mit dem nostalgischen Aussehen der Kamera zu tun, wobei mir das durchaus gefällt. Es ist vielmehr das Bildformat 13×18 cm bzw. 5×7 inch, das diese Kamera in einer vergleichsweise kompakten Bauweise bietet. Dieses Format ist gross genug, um Kontaktabzüge von den Negativen oder mit der Kamera aufgenommene Unikate präsentieren zu können. Durch das Reduzier-Rückteil ist sie auch flexibel genug, sie mit den kleineren 4×5 inch Kassetten zu verwenden – nur mit dem Polaroid Rückteil geht das leider nicht. Die Kamera ist für alle Aufgaben meiner Aufnahmebereiche geeignet, wobei ich aber sehr selten Architekuraufnahmen mache.

Die Kamera ist recht robust, wobei sie mich allerdings einmal im Stich gelassen hat: Beim Einschieben einer Kassette hat sich eine der seitlichen Halterungen von der Kamera gelöst. Ich habe sie wieder ohne sichtbare Schäden ankleben können, aber ich rechne damit dass sich auch die andere Seite eines Tages löst.

Bei der Handhabung vermittelt die Shen-Hao nicht das Präzisionsgefühl einer Linhof-Kamera, und sie hat auch nicht die Finesse einer Sinar P2. Alles erfüllt aber ohne Einschränkungen seinen Zweck. Wer eine kompakte und einfach zu bedienende Kamera im Format 5×7 sucht und nicht auf Architekturfotografie spezialisiert ist, ist mit dieser Kamera gut bedient. Mit dieser Kamera zu arbeiten vermittelt ein wenig das Gefühl vergangener Zeiten. Kein Blick auf das Display, sondern die Zuversicht es richtig gemacht zu haben. Nicht hunderte Aufnahmen sondern zwei. Konzentration auf das Wesentliche, und darum geht es. Diese Kamera möchte ich nicht missen, und die Resultate bestärken mich darin.

Die Aufnahmekonfiguration für dieses Bild ist rechts gezeigt. Das Objektiv ist ein Super-Symmar HM 5,6/150, entsprechend etwa einem 35 mm Tilt/Shift Objektiv einer Kleinbildkamera. Es ist zur Perspektivkorrektur leicht nach unten verschoben.

Ist das eine Kamera für mich?

Die Holzkonstruktion und die Herstellung in China mögen zu der Annahme verleiten, dass die HZX57-II AT eine relativ billige Kamera ist. Sie ist zwar etwas günstiger als andere Kameras dieser Größe und liegt weit unter dem Preis einer neuern Linhof Technika, aber mit ca. 3000  € ist sie kein Billigprodukt. Leider werden Kameras dieser Bauart nur selten gebraucht angeboten, und auch dann wird man wohl deutlich mehr als 1000 € investieren müssen.  Auch für neue Kameras ist es schlecht bestellt; ich kenne nur zwei Händler in Europa und zwei in den USA. Last not least ist aber auch ein Bezug beim Hersteller möglich. Bei allen Käufen aus dem Ausland muß man neben den Versandkosten auch die Mehrwertsteuer und Zollgebühren einrechnen. Das sind recht beträchtliche Zusatzkosten, zumal der Staat es als selbstverständlich ansieht auch die Versandkosten versteuern zu lassen.

Es gibt mit der FCL-57 auch noch eine leichtere 5×7 Kamera von Shen-Hao, die zwar etwas eingeschränktere Verstellmöglichkeiten und einen kürzeren Auszug hat, aber groß ist der Unterschied nicht. Ich würde sie als Alternative zur HZX-57 II AT in Betracht ziehen. Auch von anderen Herstellern gibt es ähnliche Kameras, die mehr oder minder ähnliche Eigenschaften haben, teils aber deutlich bis erheblich teurer sind. Eine interessante Alternative zur Shen-Hao gibt es von Chamonix zu ähnlichen Kosten, aber mit erheblich geringerem Gewicht und besserer Bauqualität. Generell liegen die Kosten für 5×7 Kameras näher bei den 8×10 Modellen als bei den 4×5 Kameras.

Eine überlegenswerte Alternative ist auch der Kauf einer gebrauchten Linhof Super Technika 13×18, von der es verschiedene Weiterentwicklungen und Bauformen gab, die aber seit 1986 nicht mehr hergestellt wird.

Zum Schluß noch einige Bilder, die ich mir dieser Kamera aufgenommen habe.

Disclaimer

Ich stelle diese Information zur Verfügung weil ich gern fotografiere und weil sie nützlich sein kann. Ich habe keine kommerziellen Verbindungen zu einem der Hersteller der in diesem Artikel erwähnten Produkte oder oder zu deren Verkäufern. Die Kamera und alle Zuberhörteile sind mein persönliches Eigentum.

Dies ist ein überearbeiteter Beitrag von meiner früheren Homepage.